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Ein Text wird zum Material. Ingo Kerkhof nähert sich den 134 handschriftlichen Blättern, aus denen das Manuskript von Tschechow besteht, indem er das vorläufige des Dramas für ganz eigene Überlegungen nutzt, für Aussichten aus einem heruntergekommenen Salon". Ihn interessiert nicht das Russische der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, er bringt Menschen in eine Beziehung, die heute leben. Die Kluft zwischen Reden und Schweigen, Tun und Nichttun, die Gleichzeitigkeit widerstreitender, nicht ausgelebter Gefühle, nicht unternommenen Handelns untersucht die Aufführung in der Baracke des Deutschen Theaters sehr behutsam.
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Über die ganze Länge des schmalen Spielorts ist eine Bühne gezogen, wie zufällig möbliert, mit einem Fernsehapparat im Zentrum. Sie gleicht einem Versuchsfeld, versammelt die von zwanzig auf acht Personen verringerte Mannschaft des Stückes zum Spiel und zum Nachdenken über das Spiel.
Kerkhof führt die Handlung simultan, stellt Gruppen gegeneinander, aus denen das Spiel kommt, in die es zurückgeht. Die Aufmerksamkeit gehört weniger den Redenden als siesem zufälligen Zusammenfinden von zwei, drei, vier Personen zu beiläufiger, fast stummer Unterhaltung.
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Kerkhof und seine Darsteller wollen auf Ursachen kommen, auf Gründe für die lähmende, lastende Unfähigkeit, entschlossen ins Leben, in eine Aufgabe, eine Arbeit zu finden. Die Werkstatt-Aufführung will eine zeitgemässe realistische Erzählweise finden. Sie nimmt sich des ziellosen Suchens dieser Figuren an und offenbart dabei eine grosse Sympathie für die Suchenden - was für Menschen, wenn sie nur den Mut hätten, sich selbst zu finden!
Der Aufführung fehlt alles Weinerliche, Weichliche. Sie hält die Handelnden offen und bringt sie zugleich sehr nahe.
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Die Rollen werden zurückhaltend gespielt, aus einer überlegenden Beobachtung heraus, die vor unlösbaren Geheimnissen vorsichtig innehält. Platonov ist der Trotzige, in sich gekehrte, dessen Kraft sich mitunter hektisch entlädt und ins starrsinnige Grübeln zurückfällt.
Spürbar wird das Bemühen, eine Geschichte zu finden und erlebbar zu machen, die über den Text hinausgeht und gerade in kleinen" Rollen ist Bemerkenswertes zu sehen. Das Ensemble befindet sich bei seinen Tschechow-Erkundungen auf gutem Wege."
Der Tagesspiegel, 20. Mai 1997
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